Ein Ring für Inspiration

Harald blickte seufzend von seiner Leinwand auf, hin zu dem Kalender an der Wand, von dem ihm ein rotes Kreuzchen vorwurfsvoll entgegenleuchtete. Der Zwanzigste. Die Vernissage der Ausstellung, die er gemeinsam mit seinem Freund Walter geplant hatte. Alles war bereit: die Band, das Buffett, die Getränke, die Presseaussendungen, welche die Galerie verschickt hatte -- nur nicht seine Bilder. Ausgerechnet jetzt hatte er eine Schaffenskrise. Als wäre es noch nicht schlimm genug, läutete in diesem Augenblick das Telefon.

Walter, wer sonst. "Sag mal Harald, wie geht’s deinen Bildern?" Statt einer Antwort stöhnte Harald auf. "Ich schaff es einfach nicht, das umzusetzen was ich mir vorgenommen habe. Ich seh keine Bilder vor mir", seufzte Harald. Auf der anderen Seite war es eine Zeitlang still.

"Weißt du, ich hätte da was, das könnte dir vielleicht helfen. Mir hats jedenfalls geholfen," fing Walter nun an, "obwohl ich nicht abergläubisch bin, und das weißt du!", fügte er hastig noch hinzu. "Eigentlich recht einfach. Trag einen geschlossenen Ring am Ringfinger der linken Hand, dann kommen die Bilder wieder. Probier es einfach aus!"

Die Eröffnung der Ausstellung war gut besucht wie schon lange keine mehr in dieser Galerie. Journalisten und Mäzene feierten in bester Geberlaune. Keine Frage, die Brötchen waren sensationell, und die Band gab ihr Bestes -- aber der Höhepunkt des Abends waren die Bilder, mit denen die Künstler sich diesmal selbst übertroffen hatten -- in diesem Punkt waren sich die Gäste einig.